Dienstag, 23. August 2016

Ein Alien in Pakistan

+++Karimabad+++Rakaposhi Base-Camp+++Gilgit+++Naran+++Abottabad+++

Meine zweite Woche in Pakistan ist vorüber.
Die Leute sind wirklich erstaunlich. Viele Autos hupen und ich werde oft gefragt, wo ich herkomme, wo ich hinwill. Selfis werden geschossen und Tee angeboten.
Ständig.
Kurzum - ich bin genervt!
Mir ist bewusst, das das wirklich Meckern auf sehr hohem Niveau ist und ich höre schon meine Freunde lästern:
"Guck dir den Pamer an - der knaut rum, weil ihm die Leute zu FREUNDLICH sind!"
Vielleicht ist es auch so nen deutsches Ding, deren Prototyp ich manchmal bin, an allem rum zu nörgeln.
Mir scheißegal!
Am Grenzübergang zu Pakistan bekam ich ein Informationsblatt für ausländische Touristen. "Ausländer" wurde darauf mit "Alien" übersetzt. Jetzt weiß ich auch warum.
Wenn ich irgendwo Halt mache werde ich sofort belagert. Gehe ich in einen Kiosk, so füllt sich dieser binnen Minuten mit allen Kerlen aus der Umgebung. Auch in voller Fahrt versuchen die Männer - Frauen scheint es hier kaum zu geben - mit mir zu sprechen ohne sich auf den Verkehr konzentrieren. Mehr als einmal war das ziemlich brenzlig, da die Straße zu eng wurde.
Alle meinen es nur gut und wollen nur mein Bestes. Sie wissen auch was mein Bestes ist.
"Hey Mister! You need a rest!"
"Hey Mister! You need a tea!"
"Hey Mister! Stop for a chat!"
"Hey Mister! You should go that way!"
"Put your bike here!" - "Put your bike there!"
...
Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Augen verdrehe, wenn ich bemerke, dass das Auto, welches sich von hinten nähert, plötzlich langsamer wird. Im nächsten Moment ist es auf meiner Höhe und zich gezückte Smartphones werden auf mich gerichtet.
Ungefragt.
Wie im Zoo.
Ich komm mit soviel Aufmerksamkeit nicht zurecht. Ich habe es satt hier das blasse blonde Alien zu sein. Mir ist klar, dass das ungerecht ist.
Vielleicht kommt das auch von ner Art Kulturschock, gepaart mit einem wenig Heimweh. Die Reise neigt sich dem Ende zu und ich bin in Gedanken oft in der Heimat.
...
Allerdings war es mir nur Dank der Offenheit der Pakistanis möglich, auch ein paar klasse Bekanntschaften zu machen, für die ich sehr dankbar bin.
Da waren die Jungs aus Karimabad, die ich zufällig in nem Hotel traf, als ich mich nach der Strecke zum Rakaposhi Base-Camp erkundigte.
"Wir wollen gerade los! Du kommst mit uns!"
Rakaposhi ist mit 7788m einer der höchsten Berge Pakistans und die höchste Erhebung der Erde mit 6000m- vom Fuß zum Gipfel des Berges gemessen. Zwei Stunden Fußmarsch vor dem Base-Camp schlugen wir unser Lager auf.

Alle in einem großen Zelt. Die Freunde sind sehr säkuläre Moslems und so saßen wir inmitten der einsamen Berge und ich konnte alle meine Fragen loswerden.
Super interessant.
Blasphemie, so erfuhr ich, ist das schlimmste Vergehen. Es wurden schon Leute gehängt, weil sie Allah verspotteten. Gut zu wissen, dass ich meine zynische Ader hier mal abschalte. In Pakistan herrschen zwei Gesetzgebung. Eine weltliche, die auf die Besetzung der Briten zurück zu führen ist und die muslimische Sharia, die allerdings nicht so streng wie in Saudi Arabien durchgesetzt wird. Auch ist es ratsam, wenn man nach der Religion gefragt wird, dass man mindestens sagt, man sei Christ. Als Muslim gebe ich eh nicht durch. Dank der Kreativität meiner Eltern bei der Namensgebung schon gar nicht. Also bin ich die nächsten zwei Wochen Christ und erzähle vom Weihnachtsfest und christlichen Werten. Christen scheinen mir sehr willkommen zu sein. Gilt doch auch Jesus als einer der zahlreichen Botschafter Gottes im muslimischen Glauben. Lieber Christ als Atheist - Ungläubigkeit ist nicht verständlich. Auf jeden Fall stelle ich klar, dass ich keiner dieser Juden bin. Die mag man nicht so. Schlimmer als Jude ist nur noch schwuler Jude.
Das ist nicht die Weltsicht meiner Freunde, sie erklären mir nur wie es in traditionellen Regionen Pakistans zugeht.
Apropos Jude:
"Das Ding mit dem Hitler- war das wirklich so schlecht? Was denken die Deutschen darüber, und hat er sich wirklich selbst umgebracht?" ...sind so einige Fragen die mir hier ständig gestellt werden.
Natürlich waren auch Mädchen nen Thema. Will man Sex, muss man vorher ein Mädchen heiraten. Davor geht man zu den Eltern des Mädchens und bittet um Erlaubnis. Nach der Hochzeit wohnt das Mädchen bei den Schwiegereltern. Klingt ziemlich fern für uns Europäer, allerdings war es in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit ja auch ähnlich. Ich wette in Teilen Bayerns ist das noch gang und gebe.
Auch erfuhr ich, das es einigen Eseln in Pakistan genau so ergeht wie in Kolumbien. Wahlweise auch Kühe oder Kamele.
"Siehst du wie verzweifelt die Leute sind!" lachte man mir zu.
...
Der nächste Tag - 14. August ist der pakistanische Unabhängigkeitskrieg. Da gibt es nix besseres als auf dem Gletscher am Base-Camp traditionelle Lieder zu singen und die Flagge zu schwenken.


Was für ein Ausblick. Riesige Schneemassen rollen in Zeitlupe den Berg hinunter. Man hört das Eis knacken und Steine fallen. Die Wildheit der Natur offenbart sich.

In Naran traf ich auch einige Kerle beim Abendbrot, mit denen ich eine ewige und gute Unterhaltung genoss. Natürlich gings auch um Hitler, aber Hauptthema waren die Regeln des Islams. Warum man kein Schweinefleisch essen sollte und wie man "halal" schlachtet.
"Meine Frau trägt ihr Kopftuch, weil sie das selbst will. Ich verbiete es ihr nicht, ohne Kopftuch herum zu laufen. Weißt du...." ... erklärte er mir...
"...eine Frau ist wie ein Schmuckstück das Respekt verdient. Man muss es vor neugierigen Blicken verhüllen. Außerdem schützt es vor Vergewaltigung."
Ich finde die Burka- Geschichte ja ganz geil. Hat so einen Schuluniform-Effekt. Nach dem Motto: Alle Menschen sind gleich!.... und.... Urteile nicht nach Äußerlichkeiten! ... Irgendwie edel. Wenn ich was zu sagen hätte, gäbe es in Deutschland Burkapflicht für alle! Auch für Männer.

Viele Leute freuen sich mich zu sehen und reden gern mit mir. Ihnen ist es wichtig, das ich mich sicher fühle, denn sie wissen, welches Image Pakistan in Europa hat. Ihnen ist es wichtig, dass Touristen in ihr Land kommen.

Auch die Polizei und die Anti-Terror- Einheiten, deren Checkpoints ich regelmäßig passiere achten auf meine Sicherheit. Zwischen den Städten Chillas und Naran ließen sie mich nicht allein fahren.
"Zu steil ist der Anstieg!" war ihre Begründung.
Mein Rad würde also kurzerhand auf eines dieser wunderschön bemalten Trucks verfrachtet. Am nächsten Checkpoint sagte mir ein Cop:
"Bis Naran bleibst du auf dem LKW. Es ist zu gefährlich. Hier gibt es Feinde." Nicht, das ich mich jemals unwohl gefühlt habe. Die Pakistanies versuchen nur 150%ig sicher zu gehen, das keinem Touristen etwas geschieht.

Samstag machte ich Rast in einem Cafe. Genervt von der Belagerung der Dorfjugend fuhr ich aus dem Dorf und verlagerte meine Pause an den Straßenrand. Ein Pickup mit Polizisten hielt neben mir. Was ich mache? Ob das Rad in Ordnung sei?
"Jaja! Alles klar! Ich mach nur eine Pause!"
"Wir werden dich bis zum nächsten Checkpoint begleiten!"
"Ok, ich bin aber langsam."
"Das macht nix."
Nach fünf Minuten war ihre Geduld am Ende.
"Das ist Zeitverschwendung. Wir laden dich auf den Pickup."
Am nächsten Checkpoint traf ich auf zwei Polizisten, die sich eine kleine 70 ccm Honda teilten.
"Wir fahren jetzt hinter dir her."
"Oh. Vielen Dank für Ihren Schutz!..." log ich ziemlich genervt. "...Warum ist das denn nötig?"
...kurze Beratung der Beiden...
"Das ist nicht nötig, wir mögen aber Touristen!" schwindelte er zurück.
15 km später war alles vorbei und ich durfte wieder allein weiter.

Ein Highlight dieser Woche war der Nanga Parbat. Der neunthöchste Berg der Welt mit 8125 m und somit auch der erste 8000 er den ich jeh gesehen habe. Allerdings war es ein wenig wolkig und ich konnte nur ein paar Blicke auf dem Berg erhaschen auf dem Reinhold Messner seinen Bruder im Stich gelassen hat.
Der nächste Halt ist Islamabad.
Inschallah.

Kommentare:

  1. Einen Wahnsinns-Landschaft! Genieße Deine Zeit! Hier in Deutschland wartet wieder der Alltag... Sitze am PC und verfasse Bewerbungen :( Gute Fahrt und viele Grüße, Heinrich

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  2. Nen bisschen Alltag wäre im Moment gar nicht so schlecht. So eine Woche lang. Mehr nicht. Viel Erfolg!

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